Montag, 4. Juni 2007

Slartibartfass

Zur Überschrift: Slartibartfass ist der Weltendesigner aus Douglas Adams "The Hitchhikers Guide through the Galaxy", der bei der zweiten Version der Erde Afrika mit Fjorden versieht.


Vor ein paar Wochen schickte ich folgende Frage auf die Reise (an verschiedene Personen):

Gibt es schon sowas wie "Stadtplanung in/für virtuelle Welten"?

Also nicht die Präsentation von Echtwelt-Sachen in Second Life sondern Forschungen/Erkenntnisse, die in virtuellen Welten gelten könnten?

Ich komme darauf, weil ich unter anderem mit einem Bekannten aus dem Marketing-Bereich gesprochen habe, die in SL aktiv sind und ich das Gefühl habe, dass es verschiedene Disziplinen gibt, die hier etwas zusammen arbeiten sollten/könnten.

Ich selbst interessiere mich für das Thema vor allem aus der Sicht "virtuelle Welt als GUI", also weniger aus einer Spiel-Perspektive, denn ich bin der Meinung, dass genau dort das größte Potential für virtuelle Welten steckt, weil damit manche GUI-Probleme der heutigen Software lösbar wären und der Nutzerkreis wesentlich größer als im Spielebereich ist.


Bei den verschiedenen Disziplinen hatte ich einige Leute und vor allem ihre Berufe im Kopf:

  • Marketing
  • Architektur
  • Stadtplanung
  • Webdesign
  • Design grafischer Benutzeroberflächen
  • Kommunikation
  • Betriebswirtschaftler

Die Frage brachte mich unter anderem zu einem Stadtplaner, dem ich dann das hier schrieb:

Nehmen wir mal an, jemand setzt eine neue virtuelle Welt auf und entscheidet sich dafür, diese möglichst reell zur richtigen Welt abzubilden was die Physik betrifft, weil er als Zielgruppe eher ältere Leute sieht und er vermutet, dass diese sich eher in einer solchen Umgebung zurecht finden.

Hier kann ihm doch dann die Stadtplanung helfen, seine Welt/Stadt auch so zu designen, dass die Anwender sich darin auch leichter zurecht finden als dies z.B. in so einem Chaos wie es in Second Life der Fall ist. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass ein Stadtplaner hier auch viel zum "Wohlfühlfaktor" beitragen könnte, weil er Sachen berücksichtigt, an die ein ITler/Webdesigner noch nicht mal denkt.

Baut jemand aber für die Zielgruppe Spieler und/oder Science Fiction Fans, die es gewohnt sind außerhalb des physikalisch normalen zu denken wird derjenige komplett andere Voraussetzungen haben, was das Design seiner Welt betrifft.

Aber auch hier greifen bestimmt Erkenntnisse aus der Stadtplanung - ich denke hier z.B. an allgemeine Gestaltungsfragen (Plätze, Straßen, ...), die dann evtl. um eine zusätzliche Dimension erweitert werden müssten - was evtl. ein neues Forschungsfeld darstellt.

Ein Beispiel dazu: in Second Life kann man ja sein Ziel gehend, teleportierend oder fliegend erreichen. Das Gehen ist in SL aber extrem mühsam, da kein geplantes Verkehrswegenetz existiert (= Designfehler, den ein Stadtplaner hätte verhindern können). Teleportieren zerstört jedes Raumgefühl und macht orientierungslos. Das Fliegen ist meiner Meinung nach hochinteressant, denn hier behält man die Orientierung, hat einen Überblick über die Stadt und kann sich wesentlich schneller zum Ziel bewegen - allerdings steckt hier auch eine der kommenden Herausforderungen - denn eine Stadt so zu designen, dass sie 3-dimensional "bedienbar" wird ist Neuland und hier sehe ich gerade für Sie eine große Chance.

Und das führte zu einem Hinweis auf eine Diplomarbeit von Thomas Scheiblauer zum Thema "Anwendung von Game Engines für kollaborative virtuelle Umgebungen in der Architektur".

Diese Diplomarbeit ist in vielerlei Hinsicht interessant, da hier viele Themen angeschnitten werden, die den Fokus noch um einiges erweitern. Ein Architekt erschafft in seinem Entwurfsraum ja u. U. Versionen von möglichen Realitäten (und damit sind wir gleich wieder beim Thema Dimensionen ). Außerdem greifen beim kollaborativen Arbeiten und Erleben noch weitere Faktoren, die hier beschrieben sind.

Durch die Beschäftigung mit dem Thema wurde mir klar, dass eine ganz andere Frage viel interessanter ist: Wer entwirft zukünftige virtuelle Welten? Denn der "Weltendesigner" hat alles in der Hand, worauf der virtuelle Stadtplaner nur noch aufbauen kann. Er kann z.B. auch physikalische Grenzen aufgeben und entsprechende Parameter verdrehen.

Und klar ist auch, dass es virtuelle Welten (und damit entsprechende Designer) schon lange gibt: Bücher, Filme, Brett- und Computerspiele,...

Und nebenbei schliesst sich der Kreis zu dem was IBM in Second Life offiziell treibt, denn ich hege ganz stark die Vermutung, dass die IBM darauf hinarbeitet eine technische Arbeitsplattform für Weltendesigner und Weltenbetreiber zu bauen.

Und damit werde ich ein Auge darauf haben, welche neuen Welten in nächster Zeit starten werden - denn dann lohnt es sich nachzuschauen, ob sich jemand richtig Gedanken zu dem Thema gemacht hat und was "Rundes/Universell Einsetzbares" anbietet - denn der Anbieter, der das schafft krempelt den gerade entstehenden Markt wahrscheinlich gewaltig um.

Trackback URL:
http://itligenz.twoday.net/stories/3802803/modTrackback

Simon Künzler (Gast) - 5. Jun, 09:40

Spannend!

Interessantes Thema. Hältst du uns auf dem Laufenden? Herzliche Grüsse, Simon

Simon Künzler (Gast) - 5. Jun, 09:40

Spannend!

Interessantes Thema. Hältst du uns auf dem Laufenden? Herzliche Grüsse, Simon

OAndreas - 5. Jun, 11:31

China bekommt eigene virtuelle Welt

passend dazu heute im Standard:

http://derstandard.at/?url=/?id=2906810

Als bevölkerungsreichstes Land der Welt soll China jetzt auch die größte virtuelle Welt bekommen. Den Auftrag dafür hat die schwedische Softwarefirma MindArk erhalten, die bereits die virtuelle Welt Entropia Universe betreibt.

Marco (Gast) - 5. Jun, 18:27

Sehr interessant, wo es sich hin entwickeln kann, finde ich. Mich als Stadtplaner reizt dabei besonder die 3-dimensional "bedienbare" Stadt. Wir entwerfen die Stadt vorwiegend in der Draufsicht und stellen uns die entstehenden Räume aus ca. 1,80m Höhe vor. Die wirklich 3-dimensional "erlebbare" Stadt stellt da auch an uns ganz neue und interessante Sichtweisen und Möglichkeiten.
Ich bin gespannt, wo da die Entwicklung hingeht - sowohl theoretisch als letztendlich irgendwann auch praktisch tatsächlich.

Grüße und bitte auf dem laufenden halten.

OAndreas - 6. Jun, 19:07

Stadtplanung 2.0 in Hamburg

Servus Marco,

für dich als Stadtplaner ist das hier bestimmt auch interessant:
http://www.hamburg-domplatz.de/

Hintergrundinfos hier:
http://klauseck.typepad.com/prblogger/2007/06/stadtplanung20.html
OAndreas - 5. Jun, 20:10

Linksammlung

Meine Linksammlung zum Thema virtuelle Welten findet sich hier:

http://del.icio.us/oandreas/virtuelle_welten

Christian Bieck (Gast) - 6. Jun, 10:13

Mein Senf

Moin,

wie auch schon direkt an Andreas geschrieben:

interessant. Da fallen mir gleich tausend Dinge dazu ein (unter anderem, dass ich meinen eigenen Blog mal wieder updaten müsste, aber da den keiner liest fehlt irgendwie die Motivation ;-)

Auf dem (auch für nicht-IBMer offenen) IBM Innovation Jam 2006 waren SL und virtuelle Welten großes Thema. Mitten in der großen Euphorie meldete sich auch jemand zu Wort (habe leider den Namen vergessen, müsste mal sehen, ob man den noch findet), der sich seit Jahren mit der Erforschung von Ergonomie in Computersystemen etc. beschäftigt. Der Tenor: 3D ist fürs Arbeiten eigentlich völlig ungeeignet, weil der Mensch damit virtuell gar nicht richtig umgehen kann - unser Schreibtisch ist 2D, mit Absicht.
Kein Wunder, dass Second Life immer als Spiel angesehen wird.

Meiner Ansicht nach führt der Trend, Real Life in Second Life abzubilden (also Stadtplanung im RL einfach zu übertragen, um auf den Blog zu kommen) dazu mehr Leute abzuschrecken als anzulocken. Genauso wie das aggressive Anbieten von RL Ware in SL dazu führt, dass die First Mover anfangen abzuwandern.

Ich habe eine kleine Umfrage dazu gemacht, warum Leute überhaupt in SL sind, Ergebnisse bald mal auf meinem Blog - Zusammenfassend kann man sagen "wegen der Community". Die Communities und word-of-mouth (warum fallen einem nur immer keine deutschen Begriffe mehr ein...) bestimmen, was angesehen, getan, gekauft wird. Marketiers werden sich dran gewöhnen müssen, dass sie nicht mehr (bzw. noch viel weniger) die Kontrolle über ihre Kampagnen haben, Stichwort Viral Marketing.

Die Hypothesen, was Leute verschiedener Zielgruppen in VWs wollen, sind auf jeden Fall ein interessantes Forschungsgebiet. Die im Blog angesprochenen (gerade bei älteren Menschen) halte ich für eher gewagt. Gamer zieht es überhaupt nicht in SL (keine Ziele, besch... Grafik, besch.. Steuerung, um nur drei Punkte zu nennen, da müsste man ziemlich dran arbeiten). Ältere Menschen? Mein Vater (fast 70), absoluter Early Adopter, was Technik angeht (immer den neuesten Mac im Haus etc.) sieht ebenfalls keinerlei Sinn für sich in einer VW. Realistische Physik ist was für Gamer...

Hm, enough rambling... (und wie heißt das wieder auf deutsch?) Was ich damit sagen will: Stadtplanung etc. klares "Nein" - solange wir bei "Stadt" an "Häuser, Beton, Layout, Straßen", also an Real Life Stadt denken. Es wird viel viel Phantasie sowie Trial and Error erfordern um herauszufinden, wie sich die Community, die sich Besucher virtueller Welten als eigentlicher Ziel vorstellen, am besten "stadtplanerisch" umsetzbar ist. Das heißt auch, dass die beschriebenen Rollen durchaus gebraucht werden, aber nur, wenn sie in der Lage sind ihr Real Life Wissen zu vergessen - thinking out of the box, wie es so schön heißt...

Grüßle
Christian Bieck

OAndreas - 6. Jun, 16:57

Servus Christian,

vielen Dank für dieses sehr interessante Feedback. Auf 3 Punkte will ich gleich mal eingehen:

*** Arbeiten in 3D vs. "Surfen" in 3D ***

Dass das Arbeiten in 3D nicht für jedermann möglich ist ist mir klar - um das trotz bester Tools zu können muss man erstmal räumliches Vorstellungsvermögen und einen Orientierungssinn haben. Aber alle Berufsgruppen, die das können/brauchen wie Architekten und Designer müssten doch mit etwas Training in 3D-Werkzeugen arbeiten können.

Aber arbeiten ist ja nicht alles, was man in 3D machen kann.

Nehmen wir doch mal das Durchschauen eines Katalogs als Beispiel oder jede andere Art von Präentation (sei es zur Wissensvermittlung wie das Space Museum in SL oder zum Verkaufen wie die Konfiguratoren der Autohersteller).

*** Zielgruppen-Forschung ***

Ist die Frage nicht eher "Was kann man den Zielgruppen anbieten?" statt "Was wollen die Zielgruppen"? Kann es sein, dass die potentiellen Zielgruppen das nichtmal sagen könnten weil sie ja noch nicht wissen/erfahren was möglich wäre/wird?

Achtung! Weit vorausgedacht: "Könnte man einem gehbehinderten Großvater nicht anbieten, seinen Enkel in Form eines Roboters zur Schule zu begleiten?" - wenn ich diese Frage meinem Vater stelle ist die Antwort ein begeistertes JA. Wenn ich ihn frage ob er mit seinem Enkel (der 500 km Luftlinie von ihm wohnt) mal gerne ins SL Rocket Museum gehen würde ist die Antwort auch nicht anders.

*** Erkenntnisse der Stadtplanung ***

Selbstverständlich muss man hier out of the box denken, denn die Box (= die Einschränkungen) sind dann ja teilweise gar nicht mehr da. Aber trotzdem wird es Wissen geben, dass in beiden Welten Gültigkeit hat. Als Beispiel: Welche optische Reize steuern Menschenströme auf Plätzen?

Und evtl. braucht man einfach eine neue akademische Disziplin wie "virtuelle Weltenplanung":-)
Christian Bieck (Gast) - 6. Jun, 17:29

- Jo, dass speziell trainierte Personen das können, ist klar. Ist aber trotzdem eine second-best Lösung, was das Design angeht (3D auf 2D zu projezieren)- best ist es, in echtem 3D zu arbeiten, was in Zukunft auch irgendwann mit entsprechender Hardware gehen wird (Holodeck lässt grüßen... ;-)

Das Katalog-Beispiel liest man immer wieder - interessanterweise kenne ich niemanden in RL, den das wirklich anspricht - könnte an mir liegen, natürlich... Selbst meine Familie als faule Säcke, sprich leidenschaftliche Online-Shopper spricht das null an - wir lassen uns die Sachen schicken und probieren sie RL an, ist momentan die first best Lösung für die ich in Web3.D keinen echten Ersatz erkennen kann, solange das haptische nicht dazu kommt.

- Genau - zu diesem Thema hab ich noch eine Diplomarbeit zu "vergeben" (in " weil ich nicht an der Uni bin, sondern 'nur' betreue), Kollegen beschäftigen sich auch schon mit ähnlichen spannenden Fragen

- auch zum dritten /sign - neue Disziplin ist das Stichwort...

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